Praxis gründen Psychotherapie – wenn die Motivation plötzlich verschwindet

Sie wollten es wirklich – eine eigene psychotherapeutische Praxis aufbauen. Doch irgendwann ist die anfängliche Begeisterung einer lähmenden Schwere gewichen. Die To-do-Liste wächst, die Energie schwindet, und der nächste Schritt fühlt sich schlichtweg unmöglich an. Das ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Eignung. Es ist zutiefst menschlich.

Dieser Artikel ist kein weiterer Ratgeber voller leerer Motivationsfloskeln. Es geht darum, ehrlich hinzuschauen, die psychologischen Mechanismen hinter der Blockade zu verstehen – und gemeinsam einen pragmatischen Weg nach vorne zu finden.

Warum der Anfang so schwer ist

Eine Praxis zu gründen bedeutet, plötzlich in Rollen zu schlüpfen, die im Studium oder in der therapeutischen Ausbildung kaum bis gar nicht vorkamen: Unternehmerin, Marketingexpertin, Buchhalterin, Technikerin. Die Lernkurve ist extrem steil, die Checkliste endlos lang. Wer da kognitiv und emotional ins Stocken gerät, hat nachvollziehbare und gute Gründe dafür. Es ist eine klassische Überlastungsreaktion auf zu viele neue Reize und Anforderungen gleichzeitig.

Schritt 1: Das eigene „Warum“ neu entdecken

Der erste und vielleicht wichtigste Schritt ist, sich radikal ehrlich zu fragen: Warum wollte ich das überhaupt?

Nicht die oberflächliche Antwort zählt. Natürlich möchte man vielleicht mehr verdienen – aber warum? Was würde sich dadurch im Alltag konkret verändern? Weniger Überstunden? Mehr Zeit für die Familie? Endlich raus aus den starren Strukturen und dem institutionellen Burn-out-Risiko?

Je tiefer man diesem Faden folgt, desto klarer wird das Bild – und desto kraftvoller wird die intrinsische Motivation, die dahintersteckt. Dieses starke innere Bild ist es, das in den besonders schwierigen Momenten der Gründungsphase trägt und die Frustrationstoleranz erhöht.

Schritt 2: Den eigenen Ängsten ins Gesicht sehen

Hinter fehlender Motivation und Prokrastination steckt aus psychologischer Sicht fast immer eine Angst. Und die lässt sich selten wegignorieren – sie muss benannt und konfrontiert werden.

Was, wenn nicht genug Klientinnen und Klienten kommen? Was, wenn das Einkommen nicht reicht? Was, wenn die Praxis scheitert?

Diese Gedanken bis zu ihrem dunkelsten Punkt zu Ende zu denken (in der kognitiven Verhaltenstherapie als „Entkatastrophisierung“ oder „Zu-Ende-Denken“ bekannt), klingt unangenehm – ist aber hochgradig heilsam. Denn erst wenn man weiß, wovor man sich wirklich fürchtet, kann man beginnen, diese Angst rational zu entkräften. Viele Befürchtungen verlieren sofort an Macht, sobald man sie klar ausspricht oder detailliert aufschreibt.

Schritt 3: Den echten Knackpunkt finden

Manchmal blockiert gar nicht der aktuelle Schritt – sondern ein zukünftiger. Man soll heute die Berufshaftpflichtversicherung abschließen, aber der Gedanke an die eigene Website lähmt einen bereits jetzt. SEO, Design, Online-Marketing – alles scheinbares Neuland.

Es hilft, ehrlich zu identifizieren: Welcher Teil des Prozesses macht mir am meisten Angst? Und dann: diesen Punkt ganz bewusst in die Zukunft zu verschieben. Nicht heute. Heute geht es nur um diesen einen, machbaren Schritt. Die Reduktion von Komplexität ist hier das effektivste Mittel gegen die Handlungsstarre.

Schritt 4: Eine Vertrauensperson finden

Eine Wegbegleiterin oder ein Wegbegleiter – das muss keine Kollegin aus der Psychotherapie oder Supervision sein. Es kann eine Freundin sein, die aktiv zuhört. Ein früherer Kollege, der ermutigt. Ein Partner, der einfach da ist.

Der Wert liegt nicht unbedingt in klugen Ratschlägen. Allein das Aussprechen eines Problems – laut, in echten Worten – hilft dem Gehirn bei der Strukturierung und löst oft den Knoten im Kopf. Und manchmal reicht ein ehrliches „Ich glaube an dich“ von jemandem, dem man vertraut, um die eigene Selbstwirksamkeitserwartung zu stärken und wieder ins Tun zu kommen.

Schritt 5: Lösungen statt Blockaden

Für jedes Hindernis gibt es einen Weg. Das klingt simpel – ist aber eine fundamentale Wahrheit des Problemlösens.

Wer das finanzielle Risiko scheut, kann die Praxis zunächst nebenberuflich aufbauen und erst dann den alten Job reduzieren, wenn die Praxis wirklich finanziell trägt. Wer sich im Marketing verloren fühlt, muss das Rad nicht neu erfinden – es gibt bewährte Strategien, Fachliteratur und Kolleginnen, die bereits wertvolle Erfahrungen gesammelt haben und diese gerne teilen.

Der Schlüssel liegt darin, konkrete und machbare Lösungen für konkrete Probleme zu suchen, anstatt in der diffusen, lähmenden Überforderung zu verharren.

Schritt 6: Perfektionismus loslassen

Der Wunsch nach der perfekten Praxis, der perfekten Website, dem perfekten Start – er ist nachvollziehbar, aber toxisch. Denn Perfektionismus ist einer der größten Treiber für Prokrastination und lähmt die Umsetzung.

Eine Praxis, die mit Ecken und Kanten startet, ist unendlich viel mehr wert als eine, die in der Theorie perfekt ist, aber nie das Licht der Welt erblickt. Fehler gehören zum Lernprozess zwingend dazu. Nachbessern ist erlaubt – und aus unternehmerischer Sicht sogar ausdrücklich erwünscht (Stichwort: iteratives Arbeiten).

Schritt 7: Die Messlatte bewusst tiefer hängen

Das klingt kontraintuitiv in einer Welt voller „Denk groß!“-Botschaften. Aber große Ziele brauchen kleine, überschaubare Etappen – und jeder noch so kleine Schritt verdient Anerkennung.

Wer heute die Berufshaftpflicht abgeschlossen hat: Das ist ein Erfolg. Wer heute die erste E-Mail-Anfrage beantwortet hat: ebenfalls. Diese kleinen Meilensteine aufzuschreiben und bewusst zu feiern, schafft sogenannte „Mastery Experiences“ (Erfolgserlebnisse). Diese fördern das Erleben von Selbstwirksamkeit und halten das Dopaminsystem und damit die Energie am Leben – bis das große Ziel erreicht ist.

Es ist viel Arbeit. Aber es lohnt sich.

Literaturhinweise

  • Fliegel, S. & Kämmerer, A. (Hrsg.). (2006). Psychotherapeutische Schätze: 101 bewährte Übungen und Methoden für die Praxis. dgvt-Verlag. Thematisiert unter anderem den Umgang mit Selbstzweifeln und Überforderung im therapeutischen Berufsalltag – hochrelevant für Therapeutinnen in Gründungsphasen.
  • Steel, P. (2011). Der Zauderberg: Warum wir immer alles auf morgen verschieben und wie wir damit aufhören. Goldmann Verlag. Untersucht wissenschaftlich fundiert die psychologischen Mechanismen hinter Aufschiebetendenzen und zeigt detailliert, wie Angst und Perfektionismus Prokrastination begünstigen – inklusive handfester Gegenstrategien. (Anmerkung: Der deutsche Titel des Werkes wurde korrigiert, um die Auffindbarkeit zu gewährleisten).
  • Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman. (Kapitel 6, S. 212–258). Banduras grundlegende Forschung zur Selbstwirksamkeit belegt eindrucksvoll, warum das Setzen kleiner, erreichbarer Ziele die Handlungsmotivation und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten deutlich stärker fördert als abstrakte, weit entfernte Großziele.
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