Wie Macht das Gehirn verändert – und was das für uns alle bedeutet

Unser Gehirn ist kein starres Organ, das sich einmal formt und dann so bleibt. Es passt sich ein Leben lang an – durch Erfahrungen, Beziehungen, Schlaf, Gewohnheiten, ja sogar durch einzelne Gedanken, die wir immer wieder denken. Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler nennen diese grundlegende Eigenschaft Neuroplastizität.

Was aber passiert, wenn eine dieser prägenden Erfahrungen Macht ist – langanhaltend, institutionalisiert und strukturell verankert?

Die Antwort ist unbequemer, als man erwarten würde.

Was Wissenschaft unter Macht versteht

In der psychologischen und soziologischen Forschungsliteratur wird Macht vor allem als asymmetrische Kontrolle über Ressourcen definiert: Wer Macht hat, entscheidet – über Budgets, Aufgaben, Chancen und manchmal buchstäblich über das Leben anderer Menschen. Um zu verstehen, was dieser Zustand mit dem menschlichen Gehirn macht, bedienen sich Forscher in der Regel zweier Hauptansätze.

Der erste Ansatz besteht darin, bei Versuchspersonen im Labor gezielt ein Machtgefühl auszulösen – etwa indem sie sich intensiv an Situationen erinnern müssen, in denen sie starken Einfluss auf andere hatten – und dann die neuronalen sowie verhaltensbezogenen Reaktionen zu messen. Der zweite Ansatz vergleicht die tatsächliche Gehirnaktivität von Menschen in einflussreichen Führungsrollen mit der von Menschen ohne solche Positionen.

Beide Methoden liefern ein überaus konsistentes und zugleich vielschichtiges Bild der neurologischen Veränderungen.

Das Hubris-Syndrom: Wenn Macht zur Falle wird

David Owen, britischer Arzt, Neurologe und ehemaliger Außenminister, legte 2007 eine vielbeachtete Studie über politische Führungspersönlichkeiten vor. Er beschrieb darin ein wiederkehrendes Muster, das er als Hubris-Syndrom bezeichnete: einen spezifischen psychologischen Zustand, der erst durch das Einnehmen einer Machtposition ausgelöst wird und sich mit wachsender Machtdauer in der Regel kontinuierlich verschlimmert.

Das von ihm definierte Syndrom umfasst insgesamt 14 Symptome – darunter ein übersteigertes Selbstvertrauen, eine zunehmende Unfähigkeit, Kritik zuzulassen, eine Neigung zu missionarischem Denken und eine auffällige Distanz zur Realität der eigenen Entscheidungsfolgen. Bemerkenswert ist dabei vor allem eines: Mehrere dieser Merkmale überschneiden sich frappierend mit dem klinischen Bild narzisstischer Persönlichkeitsstörungen. Das wirft eine grundlegende Frage auf, die die Wissenschaft seitdem intensiv beschäftigt – ob Macht völlig neue Charakterzüge erzeugt oder bereits vorhandene Neigungen lediglich extrem verstärkt.

Das Stanford-Experiment: Was Menschen tun, wenn man sie lässt

Im Sommer 1971 führte Philip Zimbardo, Psychologieprofessor an der Stanford University, ein Experiment durch, das bis heute zu den bekanntesten – und mittlerweile auch methodisch umstrittensten – der Sozialpsychologie zählt. 24 sorgfältig psychologisch überprüfte Freiwillige, deren Aggressions- und Gewaltwerte genau im Bevölkerungsdurchschnitt lagen, wurden per Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt: Wärter und Gefangene in einer simulierten Haftanstalt im Universitätskeller.

Bereits ab dem zweiten Tag begannen die Wärter, ihre Rolle mit einer Ernsthaftigkeit und Härte auszufüllen, die fast niemand vorhergesehen hatte. Sie reduzierten Mahlzeiten, demütigten die Gefangenen systematisch und setzten körperliche Strafmaßnahmen ein. Nach 36 Stunden erlitt einer der Gefangenen einen akuten emotionalen Zusammenbruch. Nach sechs Tagen – statt der geplanten zwei Wochen – musste das Experiment aufgrund der Eskalation abgebrochen werden.

Zimbardos damalige Schlussfolgerung war unmissverständlich: Es braucht keine von Grund auf bösen Menschen, um böse Taten zu vollbringen; Macht allein und die entsprechenden Strukturen können genügen.

Wichtiger wissenschaftlicher Kontext: Die moderne Psychologie betrachtet diese Schlussfolgerung heute differenzierter. Neuere Auswertungen der Experiment-Archive zeigten, dass Zimbardo und sein Team die Wärter teils aktiv zu hartem Durchgreifen instruierten. Dennoch bleibt der Kernbefund der Machtforschung bestehen: Menschen passen ihr moralisches Verhalten erschreckend schnell an die Machtstrukturen an, die ihnen zur Verfügung gestellt werden.

Was im Gehirn wirklich passiert

Die vielleicht nüchternsten und objektivsten Befunde kommen aus der Bildgebungsforschung (fMRT). Wenn Menschen mit hohem und niedrigem sozioökonomischen Status Bilder von leidenden Personen betrachten, reagieren ihre Gehirne messbar unterschiedlich: Bei Personen mit niedrigerem Status aktivieren sich Hirnregionen stark, die für Mitgefühl und negative Emotionen zuständig sind – insbesondere der anteriore cinguläre Kortex und die Inselrinde. Bei Menschen mit höherem Status fällt diese neuronale Reaktion deutlich schwächer aus. Die Formel lautet fast immer: Je höher der Status, desto geringer die automatische neuronale Antwort auf das Leid anderer.

Besonders aufschlussreich ist, was Macht mit dem sogenannten Spiegelneuronensystem anstellt. Diese Nervenzellen aktivieren sich im menschlichen Gehirn, wenn wir beobachten, was andere tun oder fühlen – sie gelten als eine wesentliche neurologische Grundlage unserer Empathiefähigkeit. Forschungsergebnisse zeigen klar, dass schon ein kurzfristig induziertes Machtgefühl ausreicht, um dieses System neuronal zu dämpfen. Menschen in Machtpositionen erleben auf zellulärer Ebene buchstäblich weniger von dem, was andere Menschen erleben.

Der renommierte Machtforscher Dacher Keltner und Wissenschaftskommunikatoren wie die Neurowissenschaftlerin Marwa Azab beschreiben diesen Befund sehr plakativ: Das Gehirn mächtiger Menschen reagiert auf soziale Signale oft auf eine Weise, die an Personen mit Schädigungen des präfrontalen Kortex erinnert – also an Menschen mit einem Schädel-Hirn-Trauma, denen Empathie und Perspektivübernahme rein neurologisch schwerfallen.

Besonders beunruhigend ist ein weiteres Detail: Selbst wenn man Versuchspersonen in Machtpositionen explizit bittet, aktiv die Perspektive anderer einzunehmen, zeigt sich im Scanner kaum eine Veränderung. Das Gehirn justiert sich nicht einfach nach – es reagiert unter dem Einfluss von Macht schlichtweg dauerhaft anders.

Macht macht impulsiver – und selbstüberschätzender

Neben dem fatalen Rückgang der Empathie zeigt die Forschung weitere gravierende psychologische Verschiebungen: Macht erhöht die Risikobereitschaft massiv und verringert gleichzeitig die Fähigkeit, zwischen dem, was wünschenswert ist, und dem, was tatsächlich machbar ist, rational zu unterscheiden. Menschen mit hohem Status neigen systematisch dazu, Risiken zu unterschätzen, den eigenen Einfluss zu überschätzen – und die Kosten, die andere für ihre Fehler tragen werden, völlig aus dem Blick zu verlieren.

Selbst im alltäglichen Verhalten ist das messbar: Untersuchungen an der UC Berkeley dokumentierten, dass Fahrende in Fahrzeugen höherer Preisklassen andere Verkehrsteilnehmende signifikant häufiger schnitten und weitaus seltener Fußgänger passieren ließen als Fahrende in günstigeren Fahrzeugen. Ein kleines Detail des Alltags, das ein großes gesellschaftliches Muster offenbart.

Macht als Verstärker – nicht als Schöpfer

Wie aber ist es angesichts all dieser Daten zu erklären, dass es durchaus integre Führungspersönlichkeiten gibt – Menschen, die große Macht besitzen und dennoch geerdet, reflektiert und mitfühlend bleiben?

Die Wissenschaft bietet hierfür eine sehr nuancierte Antwort: Macht verändert Menschen nicht zwingend von Grund auf neu. Sie wirkt vielmehr als starker Katalysator und verstärkt das, was bereits vorhanden ist.

Wer vor der Machtübernahme ein hohes Maß an Reflexionsvermögen, authentischem Mitgefühl und eine realistische Selbstwahrnehmung mitbrachte, verliert diese gefestigten Eigenschaften nicht einfach über Nacht – wenngleich auch sie unter anhaltendem Machteinfluss mit der Zeit erodieren können. Wer hingegen schon immer dazu neigte, andere Menschen rein instrumentell zu betrachten oder sich selbst zu überschätzen, findet in der Macht keinen Widerstand mehr – sondern eine fatale Beschleunigung.

Das hat eine unmittelbare und drängende gesellschaftliche Relevanz. In demokratischen und institutionellen Systemen liegt es an Bürgerinnen und Bürgern sowie an Aufsichtsgremien, sehr genau hinzusehen, welche charakterlichen Grundeigenschaften eine Person vor dem Machtantritt zeigt. Was danach kommt, wird diese Eigenschaften mit Sicherheit nicht abschwächen. Die Macht wird sie unter ein riesiges Vergrößerungsglas stellen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Owen, D. (2007). The Hubris Syndrome: Bush, Blair and the Intoxication of Power. London: Politico's.

    Owen beschreibt auf Basis historischer Fallanalysen politischer Führungspersönlichkeiten 14 Symptome des Hubris-Syndroms und zeigt, wie anhaltende Machtausübung charakterliche Veränderungen begünstigt, die sich von narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen nur graduell unterscheiden.

  • Zimbardo, P. G. (2007). Der Luzifer-Effekt: Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

    Zimbardo rekonstruiert das Stanford-Gefängnisexperiment detailliert und argumentiert, dass situative Machtstrukturen das Verhalten gewöhnlicher Menschen gravierend verändern können – unabhängig von deren Persönlichkeitsprofil. (Anmerkung: Inklusive der modernen methodischen Kritik an der Übertragbarkeit).

  • Keltner, D., Gruenfeld, D. H., & Anderson, C. (2003). Power, approach, and inhibition. Psychological Review, 110(2), 265–284.

    Das theoretische Kernmodell der Machtpsychologie: Die Autoren legen dar, wie Macht Hemmungen abbaut, Risikobereitschaft steigert und Empathie systematisch verringert. Die Grundthesen finden sich auf S. 265–272.

  • Galinsky, A. D., Magee, J. C., Inesi, M. E., & Gruenfeld, D. H. (2006). Power and perspectives not taken. Psychological Science, 17(12), 1068–1074.

    Empirische Belege dafür, dass Macht die Fähigkeit zur Perspektivübernahme nachweislich verringert – selbst dann, wenn Personen ausdrücklich dazu aufgefordert werden. Zentrale Befunde auf S. 1068–1071.

  • Hogeveen, J., Inzlicht, M., & Obhi, S. S. (2014). Power changes how the brain responds to others. Journal of Experimental Psychology: General, 143(2), 755–762.

    Mithilfe elektrophysiologischer Messungen zeigen die Autoren, dass Macht die Aktivität des Spiegelneuronensystems messbar reduziert. Die neurophysiologischen Kerndaten finden sich auf S. 755–759.

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