Alzheimer vorbeugen: Erste Symptome der Demenz und was wirklich schützt
Am 14. Juni 2025 jährte sich der Geburtstag von Alois Alzheimer zum 161. Mal. Ein Name, den heute fast jeder kennt – allerdings meist nicht wegen des Mannes selbst, sondern wegen der Krankheit, die seinen Namen trägt. Dabei ist die Geschichte hinter diesem Namen weit faszinierender, als die meisten vermuten.
Alois Alzheimer war ein deutscher Psychiater und Neuropathologe. Dass wir seinen Namen heute kennen, verdanken wir zu einem großen Teil seinem Lehrer und Kollegen Emil Wilhelm Georg Magnus Kraepelin – einem Mann, der als Begründer der modernen wissenschaftlichen Psychiatrie gilt. Kraepelin war es, der die von Alzheimer beschriebene Erkrankung nach seinem Schüler benannte. Ohne Kraepelins Anerkennung wäre der Name Alzheimer womöglich längst in Vergessenheit geraten. Eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, wofür dieser Name heute steht.
Der Tag, an dem niemand zuhörte
Es gibt eine Episode aus Alzheimers Leben, die erschreckend aktuell wirkt. Am 3. November 1906 hielt Alzheimer auf einer Versammlung deutscher Psychiater in Tübingen einen Vortrag. Er berichtete über besondere Fälle seniler Demenz – Beobachtungen, die später die Grundlage für die Beschreibung einer eigenständigen Krankheit bilden sollten.
An jenem Tag standen zwei Vorträge auf dem Programm. Der erste war Alzheimers Bericht über kognitive Abbauprozesse bei älteren Menschen. Der zweite Vortrag widmete sich dem Thema der kompulsiven Masturbation. Als Alzheimer seinen Vortrag beendete, geschah – nichts. Keine Fragen. Keine Kommentare. Keine Diskussion. Es wirkte, als hätte niemand im Saal zugehört. Alle warteten offenbar gespannt auf das zweite, reißerische Thema.
Diese Anekdote sagt viel über die menschliche Natur aus – auch über unsere heutige. Spektakuläre Themen ziehen Aufmerksamkeit auf sich, während wirklich lebensrelevante Informationen oft übersehen werden. Alzheimer ließ sich davon nicht entmutigen. Er verfasste eine wissenschaftliche Arbeit, die im Wesentlichen seinen Vortrag wiedergab. Und genau diese Publikation wurde zur Grundlage dafür, dass eine bestimmte Form der Demenz fortan als Alzheimer-Krankheit diagnostiziert und erforscht wurde.
Was ist die Alzheimer-Krankheit eigentlich?
Demenz beschreibt einen fortschreitenden Zustand, bei dem die Fähigkeit zu denken – die sogenannte kognitive Funktion – zunehmend nachlässt und schließlich zerfällt. Dass die geistige Schärfe im Alter etwas abnimmt, ist völlig normal und gehört zum natürlichen Alterungsprozess. Doch es gibt Fälle, in denen dieser Abbau ungewöhnlich schnell und gravierend verläuft. Die Alzheimer-Krankheit ist eine solche Form der beschleunigten Demenz – und mit 60 bis 80 Prozent aller Demenzfälle die mit Abstand häufigste.
Die Zahlen aus den Industrieländern sprechen eine deutliche Sprache: Etwa 10 Prozent der Menschen über 65 Jahre sind betroffen. In der Altersgruppe 65 bis 74 liegt die Rate bei rund 3 Prozent, zwischen 75 und 84 steigt sie deutlich an, und bei Menschen über 85 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 32 Prozent. Frauen sind häufiger betroffen – schlicht deshalb, weil sie im Durchschnitt älter werden. Ebenso tritt die Krankheit in Ländern mit gut ausgebautem Gesundheitssystem häufiger auf, weil dort mehr Menschen ein hohes Alter erreichen. Deutschland gehört hier zweifellos dazu.
Woran erkennt man die Krankheit?
Im fortgeschrittenen Stadium zeigen sich deutliche Symptome: der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses – jemand weiß nicht mehr, wohin er das Telefon gelegt hat oder was ihm gerade gesagt wurde. Dazu kommen Störungen im logischen Denken, Schwierigkeiten bei der Lösung selbst einfacher Aufgaben, Probleme beim Finden und richtigen Verwenden alltäglicher Wörter sowie Einschränkungen in der räumlich-visuellen Wahrnehmung – Betroffene erkennen vertraute Gesichter oder bekannte Orte nicht mehr.
Doch bevor es so weit kommt, gibt es frühe Warnsignale. Zehn Anzeichen, die zum Nachdenken anregen sollten:
- Nachlassendes Erinnerungsvermögen
- Stimmungsschwankungen
- Zunehmende Zerstreutheit
- Depressive Verstimmungen
- Ausgeprägte Vergesslichkeit
- Aggressives Verhalten
- Verschlechterung des Sehvermögens
- Gestörte räumliche Orientierung
- Verlust der Fähigkeit, gewohnte Handlungen auszuführen
- Schwierigkeiten bei der Bewältigung vertrauter Alltagsaufgaben
Eine bittere Wahrheit muss dabei ausgesprochen werden: Es gibt bis heute keine Heilung für die Alzheimer-Krankheit. Alles, was die Medizin leisten kann, beschränkt sich auf Betreuung, Pflege und die Unterstützung der Angehörigen, die diese enorme Last tragen. Nach der Diagnosestellung leben Betroffene im Durchschnitt noch sechs bis sieben Jahre.
Was jeder Einzelne tun kann – 13 Wege der Vorbeugung
Und doch gibt es Grund zur Hoffnung. Die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, hängt wesentlich vom eigenen Lebensstil und Gesundheitszustand ab. Ja, genetische Faktoren spielen eine Rolle. Wer Verwandte ersten Grades mit Alzheimer hat, trägt ein erhöhtes Risiko. Doch es ist kein Urteil, kein unabwendbares Schicksal. Es gibt konkrete Maßnahmen, die jeder ergreifen kann. Dreizehn an der Zahl.
- Geistige Aktivität fördern: Denken, Rätsel lösen, Kreuzworträtsel, Sudoku, Fremdsprachen lernen – das Gehirn braucht Training wie ein Muskel. Wer es fordert, hält es länger fit.
- Soziale Kontakte pflegen: Mit Menschen sprechen, Freundschaften aufrechterhalten, alte Schulkameraden wiederfinden, gemeinsam etwas unternehmen. In einen Verein eintreten, eine Wandergruppe, einen Lesekreis – die Form ist zweitrangig, Hauptsache, man bleibt unter Menschen.
- Stress bewältigen: Chronischer Stress schädigt das Gehirn nachweislich. Wer versteht, was Stresshormone wie Cortisol im Körper anrichten, trifft bessere Entscheidungen für seine Gesundheit.
- Regelmäßige Bewegung: Mindestens 4.000 bis 5.000 Schritte täglich. Kein Marathon, einfach zügiges Gehen. Besonders interessant: Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Tanzen eine nahezu ideale körperliche Betätigung für ältere Menschen ist – es kombiniert Bewegung, Koordination, Musik und soziale Interaktion.
- Kopfverletzungen vermeiden: Beim Radfahren einen Helm tragen. Sturzgefahren in der Wohnung minimieren. Prävention beginnt oft schon in jungen Jahren.
- Mit dem Rauchen aufhören: Die Datenlage hierzu ist absolut eindeutig.
- Blutdruck kontrollieren: Regelmäßige Kontrolle beim Hausarzt – in Deutschland dank des Vorsorgesystems problemlos möglich.
- Cholesterinwerte im Blick behalten: Ein einfacher Bluttest beim Hausarzt genügt zur Überwachung.
- Blutzucker überwachen: Diabetes ist ein erheblicher Risikofaktor für Demenz.
- Ausgewogene Ernährung: Mediterrane Kost, viel Gemüse, Obst, Fisch, wenig verarbeitete Lebensmittel.
- Gewicht kontrollieren: Übergewicht und Adipositas erhöhen das Demenzrisiko messbar.
- Gesunder Schlaf: Ausreichend und regelmäßig schlafen. Das Gehirn reinigt sich im Schlaf von schädlichen Ablagerungen – ein Prozess, der bei der Alzheimer-Prävention eine zentrale Rolle spielt.
- Moderater Alkoholkonsum: Dieser letzte Punkt ist der umstrittenste. Manche Studien legen nahe, dass geringe Mengen qualitativ hochwertigen Alkohols einen gewissen schützenden Effekt haben könnten. Aber – sobald auch nur der geringste Hinweis auf neurologische oder psychische Beeinträchtigungen besteht, ist jeglicher Alkohol kontraproduktiv.
Ein Jubiläum als Denkanstoß
160 Jahre nach der Geburt von Alois Alzheimer ist die nach ihm benannte Krankheit eine der größten Herausforderungen der alternden Gesellschaft. In Deutschland, wo die Lebenserwartung zu den höchsten der Welt gehört, betrifft dieses Thema Millionen von Familien – direkt oder indirekt.
Wer heute gesund ist und diese Zeilen liest, hat die Chance, aktiv etwas zu tun. Nicht morgen, nicht irgendwann – jetzt. Dreizehn Maßnahmen, von denen keine besonders kompliziert ist. Keine erfordert teure Medikamente. Es sind Entscheidungen des Alltags. Kleine Entscheidungen, die über die Qualität der letzten Lebensjahrzehnte bestimmen können.
Alois Alzheimer hielt 1906 einen Vortrag, den niemand hören wollte. Lassen wir seine Botschaft nicht noch einmal ungehört verhallen.
Quellenangaben
- Alzheimer, A. (1907). Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde. Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und Psychisch-Gerichtliche Medizin, 64, 146–148. Die ursprüngliche Fallbeschreibung durch Alois Alzheimer, in der er die neuropathologischen Veränderungen bei seiner Patientin Auguste Deter dokumentierte.
- Maurer, K., Volk, S. & Gerbaldo, H. (1997). Auguste D and Alzheimer's disease. The Lancet, 349(9064), 1546–1549. Eine historische Aufarbeitung des Falles Auguste Deter einschließlich der Wiederentdeckung der Krankenakte; beleuchtet die Umstände von Alzheimers Vortrag im November 1906.
- Livingston, G., Huntley, J., Sommerlad, A. et al. (2020). Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. The Lancet, 396(10248), 413–446. Umfassender Bericht der Lancet-Kommission, der die modifizierbaren Risikofaktoren für Demenz identifiziert – die wissenschaftliche Grundlage für die Präventionsmaßnahmen.