Panikattacke was tun: Symptome erkennen und in 4 Schritten bewältigen
Was ist eine Panikattacke eigentlich? Über kaum ein Thema gibt es so viele Missverständnisse wie über diesen Zustand. Die meisten Menschen setzen sie fälschlicherweise mit allgemeiner Panik gleich. Doch Panik und Panikattacke sind zwei völlig verschiedene Phänomene, und diesen Unterschied zu verstehen, ist der erste entscheidende Schritt, um die Kontrolle zurückzugewinnen.
Panik entsteht, wenn eine reale Bedrohung vorliegt, man aber keine Erfahrung hat, wie man darauf reagieren soll. Wenn in der Nähe eine Bombe einschlägt oder das Flugzeug heftig wackelt, weiß man schlicht nicht, was zu tun ist. Das ist eine normale, biologisch sinnvolle Reaktion auf eine echte Gefahr.
Eine Panikattacke hingegen ist etwas grundlegend anderes: Der Körper reagiert exakt wie bei einer massiven Bedrohung – obwohl keine objektive Gefahr existiert. Stellt euch einen Kohlenmonoxid-Melder vor. Wenn tatsächlich Gas in der Luft liegt und der Alarm schrillt, entspricht das der Panik. Wenn aber jemand nur das Wort „Gas“ ruft und das Gerät losgeht, ist das eine Panikattacke. Der Alarm ist echt, die Gefahr jedoch nicht.
Warum gerade jetzt so viele betroffen sind
Bestimmte Lebensumstände erhöhen das Risiko für das Auftreten von Panikattacken signifikant. Wenn man die aktuelle Lage betrachtet, wird schnell klar, warum dieses Thema heute aktueller denn je ist:
- Ständige Konfrontation mit negativen Nachrichten
- Anhaltender Stress im Beruf oder Privatleben
- Chronischer Schlafmangel
- Fehlende soziale Unterstützung durch besonnene Menschen
- Dauerkonflikte im persönlichen Umfeld oder in den sozialen Medien
Das moderne Leben bietet reichlich Nährboden für diese Zustände. Umso wichtiger ist es, die richtigen Abwehrmechanismen zu kennen.
Die zehn Symptome – und wie man sie erkennt
Medizinische Leitlinien definieren zehn Kernsymptome, die bei einer Panikattacke innerhalb kürzester Zeit ihre maximale Intensität erreichen. Wenn vier oder mehr dieser Anzeichen gleichzeitig auftreten, spricht dies medizinisch für eine Panikattacke:
- Herzklopfen oder ein stark beschleunigter Puls
- Starkes Schwitzen
- Zittern am ganzen Körper oder an den Händen
- Atemnot oder das beklemmende Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen
- Druckgefühl oder Brustschmerzen
- Ausgeprägte Übelkeit oder Schwindelgefühle
- Derealisation – das befremdliche Gefühl, sich selbst oder die Umwelt von außen zu beobachten
- Die massive Angst, die Kontrolle zu verlieren oder den Verstand zu verlieren
- Akute Todesangst
- Parästhesien (Kribbeln, Taubheitsgefühle) sowie Schüttelfrost mit einem Gefühl innerer Kälte
Nicht verwechseln: Panikattacke oder Herzinfarkt?
Diese Unterscheidung ist im Zweifelsfall lebensrettend. Da ein Herzinfarkt fast immer mit Todesangst einhergeht, werden beide Zustände oft verwechselt. Der entscheidende Unterschied liegt im Detail: Bei einem Herzanfall treten meist massive Schmerzen in der Brust auf, die oft in den linken Arm, den Kiefer oder unter das linke Schulterblatt ausstrahlen. Diese Schmerzen bleiben konstant bestehen.
Eine Panikattacke dagegen klingt in der Regel nach 10 bis 20 Minuten von selbst wieder ab. Als Faustregel gilt: Wenn nach 20 Minuten keine Besserung eintritt und die Schmerzen anhalten, muss sofort der Notruf 112 gewählt werden.
Vier Wege, sich selbst zu helfen
Es gibt vier bewährte Strategien, um eine Attacke zu unterbrechen. Jede Methode für sich ist wirksam, in Kombination entfalten sie ihre volle Kraft.
1. Das Atmen normalisieren: Bei einer Panikattacke wird die Atmung flach und zu schnell. Diese Hyperventilation verschlimmert den Zustand. Die 4-7-8-Technik hilft hier sofort: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen. Alternativ hilft das Atmen in die vorgehaltenen Hände, um den CO2-Spiegel im Blut wieder zu regulieren.
2. Die Aufmerksamkeit umlenken: Man muss das Gehirn zwingen, die interne Alarmreaktion zu verlassen. Hier hilft die Fokus-Methode: Benenne vier Gegenstände einer Farbe, zähle vier Geräusche auf oder beschreibe die Textur von drei Gegenständen in deiner Nähe. Die aktive Nutzung der Sinne holt den Geist zurück in die Realität.
3. Muskeln bewusst anspannen: Techniken wie die Progressive Muskelrelaxation sind ideal. Man kann aber auch ohne Training einfach den Arm ausstrecken, die Faust fest ballen, die Spannung kurz halten und dann bewusst loslassen. Dieser Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung signalisiert dem Nervensystem Sicherheit.
4. Den Adrenalinschub nutzen: Eine Panikattacke flutet den Körper mit Adrenalin für „Kampf oder Flucht“. Wer dann starr sitzen bleibt, verstärkt die Symptome. Körperliche Bewegung wie Kniebeugen, Treppensteigen oder schnelles Umherlaufen hilft dem Körper, das überschüssige Hormon biologisch sinnvoll abzubauen.
Wie man anderen in der Not hilft
Wenn Sie eine Person begleiten, die eine Panikattacke erleidet, übernehmen Sie die Regie. Leiten Sie die betroffene Person direkt an: „Wir atmen jetzt gemeinsam. Ich zähle für dich.“ Fordern Sie die Person auf, Gegenstände im Raum zu benennen oder Muskeln anzuspannen. Die wichtigste Regel für Helfer lautet jedoch: Ruhe bewahren. Ihre eigene Gelassenheit ist das stärkste Signal gegen die Angst des anderen.
Wissen nimmt die Angst. Wer versteht, was im Körper passiert, fühlt sich nicht mehr hilflos ausgeliefert. Und genau diese Selbstwirksamkeit ist der Schlüssel zur Heilung.
Quellenverzeichnis
- Bandelow, B. et al. (2014). Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. AWMF-Register-Nr. 051-028. Berlin: Springer.
- Morschitzky, H. (2009). Angststörungen: Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. 4. Auflage. Wien: Springer.