Unerwarteter Abschied in der Psychotherapie: Wie Sie den Verlust verarbeiten und weitermachen.
Ein unerwarteter Bruch, der so nicht geschehen sollte. Ein abruptes Ende der Psychotherapie – sei es, weil der Therapeut umzieht, die Praxis wechselt oder aus anderen Gründen plötzlich nicht mehr verfügbar ist – sollte im Idealfall niemals vorkommen. Natürlich können unvorhergesehene Lebensumstände eintreten, aber ethisch gesehen trägt der Therapeut die volle Verantwortung, eine solche Situation proaktiv zu vermeiden. Als Klient:in haben Sie Rechte, die genau dafür sorgen sollen, dass ein solcher Bruch möglichst nicht passiert und Sie in einer vulnerablen Phase nicht allein gelassen werden.
Ihre Rechte als Klient:in
Sie haben ein Anrecht auf eine sorgfältige Übergabe. Das bedeutet konkret: Der Therapeut sollte Ihnen ausreichend Zeit einräumen – in der Regel mindestens einen Monat, oft auch länger –, damit Sie den Prozess des Abschieds gestalten, eine neue Therapeutin oder einen neuen Therapeuten finden, erste Sitzungen dort wahrnehmen und sich sicher fühlen können, bevor die alte Psychotherapie endgültig endet.
Außerdem haben Sie einen ethischen Anspruch auf gute Empfehlungen. Dies beinhaltet seriöse Kontakte zu Kolleg:innen, die aktuell Plätze frei haben, in erreichbarer Nähe praktizieren und fachlich möglichst zu Ihrem Anliegen und Ihrem persönlichen Stil passen. Es reicht professionell nicht aus, Ihnen einfach nur eine unkommentierte Liste mit Namen aus dem Internet in die Hand zu drücken.
Sie dürfen und sollten auch verlangen, dass der alte und der neue Therapeut miteinander sprechen – dies geschieht natürlich nur mit Ihrer schriftlichen Einwilligung (Schweigepflichtsentbindung). Dieser fachliche Austausch erspart es Ihnen, Ihre gesamte Geschichte von vorne erzählen zu müssen und retraumatisierende Wiederholungen zu vermeiden. In vielen Fällen können so auch wichtige Unterlagen oder eine Fallzusammenfassung direkt weitergegeben werden.
Wichtig: Diese Rechte und Pflichten können je nach Land, Bundesland und Berufsordnung unterschiedlich geregelt sein. Informieren Sie sich proaktiv bei Ihrer Therapeutin oder Ihrem Therapeuten, welche Regelungen konkret für Ihren Behandlungsvertrag gelten, und fordern Sie entsprechende Informationen ein.
Was tun, wenn es trotzdem abrupt endet?
Manchmal passiert es trotz aller Vorsicht. In diesem Fall ist es entscheidend, dass Sie sich umgehend Unterstützung suchen und schnell eine neue Psychotherapie beginnen. Die ersten Sitzungen bei der neuen Person dürfen und sollten Sie explizit nutzen, um genau diesen Bruch zu verarbeiten: Gefühle wie Trauer, Wut, tiefe Verunsicherung oder das Gefühl von Verlust und Verlassenwerden sind in dieser Situation völlig normal und adäquat.
Die psychotherapeutische Beziehung ist ein zentraler Bestandteil des Heilungsprozesses. Wenn diese stabile Säule plötzlich wegbricht, kann das alte Wunden aufreißen und starke emotionale Reaktionen auslösen. Es ist nicht nur in Ordnung, sondern wichtig, diese Gefühle zuzulassen und sie im geschützten Raum der neuen Psychotherapie aufzufangen und zu bearbeiten.
Kleine Schritte für sich selbst
Bis Sie eine neue Therapeutin oder einen neuen Therapeuten gefunden haben, können Sie sich mit Selbstreflexion stützen. Schreiben Sie für sich auf:
- Was Sie in der bisherigen Psychotherapie bereits konkret erreicht haben,
- Welche Themen noch offen sind und die Sie unbedingt weiter bearbeiten möchten,
- Was Ihnen an der Arbeitsweise der alten Therapeutin oder des alten Therapeuten besonders geholfen hat – und was vielleicht weniger passend war.
Diese Notizen geben Ihnen Orientierung in der Übergangsphase, stärken das Bewusstsein für Ihren eigenen Fortschritt (Selbstwirksamkeit) und helfen Ihnen maßgeblich dabei, eine neue Person zu finden, die wirklich zu Ihnen passt.
Ein plötzlicher Abbruch der Psychotherapie ist extrem belastend – und genau deshalb sehen die ethischen Richtlinien vor, dass er vermieden werden muss. Aber vergessen Sie nicht: Sie haben bereits viel geschafft. Auch dieser unerwartete Bruch kann integriert und verarbeitet werden. Mit den richtigen Schritten und einer neuen, vertrauensvollen Beziehung werden Sie Ihren Weg weiter vorankommen.