Was passiert wirklich, wenn du in schweren Zeiten dankbar bist?

Blog | Selbstakzeptanz

Wenn der Regen die Straßen überschwemmt und du unter dem Regenschirm stehst und plötzlich bemerkst, wie Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen und sich in den Pfützen spiegeln: Das ist keine Verleugnung des Regens. Es ist einfach die Anerkennung, dass die Welt nicht nur aus einer Farbe besteht. Genau so funktioniert Dankbarkeit – sie versucht nicht, Probleme auszulöschen, sondern fügt dem Bild der Realität eine weitere Schicht hinzu, die es vollständiger und erträglicher macht.

Viele hören das Wort „Dankbarkeit“ und denken sofort: „Oh, das ist wieder diese Sache, bei der man durch Tränen lächeln und sagen soll, dass alles wunderbar ist“. Nein. Es geht um etwas Tieferes. Dankbarkeit ist keine Maske, hinter der Emotionen versteckt werden, sondern ein Werkzeug, das hilft, das Gleichgewicht zu halten, wenn das Leben Herausforderungen stellt. Sie erlaubt es, sowohl den Schmerz als auch die Schönheit gleichzeitig zu sehen, ohne dass eines das andere vollständig überdeckt.

Zuerst klären wir, warum Dankbarkeit oft mit etwas Schädlichem verwechselt wird

In der Psychologie gibt es den Begriff „toxische Positivität“ – das ist, wenn negative Emotionen einfach ignoriert oder unterdrückt werden unter Slogans wie „sei positiv“, „alles wird gut“ oder „freu dich einfach über das, was du hast“. Ein solcher Ansatz kann zu emotionaler Erschöpfung führen, weil die Person sich nicht erlaubt, Schmerz, Trauer oder Wut zu durchleben. Das ist, als würde man eine Wunde mit einem Pflaster zukleben, ohne sie zu reinigen – äußerlich sieht alles gut aus, aber innen wächst das Problem.

Echte Dankbarkeit funktioniert anders. Sie sagt nicht: „Beschwer dich nicht, anderen geht es schlimmer“. Sie sagt: „Ja, es ist jetzt schwer, und es ist normal, Schmerz zu fühlen. Aber neben dem gibt es Dinge, die mich noch über Wasser halten – die Unterstützung von Nahestehenden, kleine Freuden, meine eigene Stärke“. Psychologen betonen: Dankbarkeit ist die Anerkennung des vollständigen Bildes des Lebens, in dem Platz für Dunkelheit und Licht ist. Studien zeigen, dass toxische Positivität schadet, weil sie die Verarbeitung von Emotionen blockiert, während Dankbarkeit hilft, sie zu integrieren und den Menschen widerstandsfähiger macht.

Was die Wissenschaft darüber sagt, wie Dankbarkeit Leiden lindert

Einer der führenden Forscher zur Dankbarkeit, Robert Emmons von der University of California, hat Experimente durchgeführt, die mittlerweile Klassiker sind. In einem davon haben Menschen mehrere Wochen lang täglich aufgeschrieben, wofür sie dankbar sind. Das Ergebnis? Sie fühlten sich nicht nur optimistischer – bei ihnen verminderten sich körperliche Symptome (Kopfschmerzen, Müdigkeit), der Schlaf verbesserte sich, und sie trieben sogar öfter Sport. Warum?

Psychologisch erweitert Dankbarkeit den Fokus der Aufmerksamkeit. Wenn wir uns auf Probleme fixieren, gerät das Gehirn in einen Kreislauf der Rumination – ständiges Wiederholen von Negativem, was Stress und Depression verstärkt. Dankbarkeit schaltet die Aufmerksamkeit auf das um, was schon gut ist, und verringert diesen Kreislauf. Sie löscht den Schmerz nicht aus, aber sie schließt die Kluft zwischen „wo ich jetzt bin“ und „wo ich sein will“. Studien von Emmons und Michael McCullough zeigten, dass regelmäßige Dankbarkeitspraktiken das Glückslevel um bis zu 25 % steigern sowie Symptome von Depression und Angst mindern können.

Noch interessanter sind die neurowissenschaftlichen Aspekte. Wenn wir Dankbarkeit empfinden, aktiviert sich der präfrontale Kortex des Gehirns, der für die Regulierung von Emotionen zuständig ist. Das hilft, den Level von Stresshormonen wie Cortisol zu senken und Dopamin sowie Serotonin – die „Glückshormone“ – zu erhöhen. Bei Menschen mit chronischen Erkrankungen oder nach Traumata verbesserte die Dankbarkeitspraxis den Schlaf, reduzierte Schmerz und gab ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen. Sogar bei Veteranen mit PTBS korrelierte ein höherer Dankbarkeitslevel mit einer geringeren Symptomstärke.

Meta-Analysen (große Übersichten über Dutzende Studien) bestätigen: Dankbarkeit reduziert psychologischen Schmerz und Angst signifikant und steigert die Lebenszufriedenheit. Sie wirkt wie ein Puffer gegen Leiden, weil sie daran erinnert: Selbst in den dunkelsten Zeiten gibt es Halt.

Wie das im echten Leben aussieht – durch Beispiele

Stell dir eine Person vor, die ihren Job verloren hat. Toxische Positivität würde sagen: „Mach dir keine Sorgen, das ist eine Chance auf etwas Besseres!“ – und zwingt dazu, Angst und Enttäuschung zu ignorieren. Dankbarkeit erlaubt zu sagen: „Ja, das tut weh, ich habe Angst vor der Zukunft. Aber ich bin dankbar für die Erfahrung, die ich gesammelt habe, für die Familie, die mich unterstützt, für die Gesundheit, die es mir erlaubt, neu zu suchen“. Das ist keine Verleugnung des Problems, sondern das Hinzufügen von Ressourcen, um es zu bewältigen.

Oder in Zeiten der Isolation, wie während der Pandemie: Viele fühlten sich einsam. Dankbarkeit half, kleine Momente der Verbindung zu bemerken – einen Anruf eines Freundes, das Lachen eines Kindes, eine warme Tasse Tee. Studien zeigten, dass solche Praktiken das Gefühl der Isolation minderten und die Resilienz steigerten.

Ein weiteres wichtiges Konzept aus der Psychologie ist die Theorie „Find-Remind-Bind“ von Sara Algoe. Dankbarkeit hilft dabei:

  • Gute Menschen im Leben zu finden (bemerken),
  • Sich an bestehende Verbindungen zu erinnern (wertschätzen),
  • Und motiviert dazu, sich an diese Menschen zu binden (Beziehungen pflegen).

Das macht Beziehungen stärker, und in schweren Zeiten werden genau sie zu lebenswichtigen Ankern.

Warum Dankbarkeit um Balance geht und nicht um Alles-oder-Nichts

Wir denken oft schwarz-weiß: Entweder ist das Leben wunderbar oder schrecklich. Dankbarkeit zerstört diese Dichotomie. Sie lehrt, Nuancen zu sehen – wie Blumen, die durch Asphalt brechen, oder Licht in Rissen. Das ist keine Bagatellisierung von Problemen, sondern die Verweigerung, ihnen die volle Kontrolle zu geben.

In der positiven Psychologie ist Dankbarkeit eines der Schlüsselinstrumente für Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit). Sie macht dich nicht immun gegen Schmerz, aber sie gibt Kraft, weiterzugehen. Probleme testen, Segnungen stützen. Beides ist Teil der Geschichte.

Wenn du es ausprobieren möchtest: Fang einfach an – schreib jeden Abend drei Dinge auf, für die du heute dankbar bist. Nicht unbedingt Großes. Es kann der leckere Kaffee sein, dass du den Tag überstanden hast, oder jemand, der zugehört hat. Mit der Zeit verändert das die Wahrnehmung, macht den Weg leichter, ohne den Regen zu ignorieren, aber die Sonne hinter den Wolken zu bemerken.

Dankbarkeit ist keine Flucht vor der Realität. Es ist eine Art, vollkommener in ihr zu leben, mit offenen Augen und einem stärkeren Herzen.