Was Sterbende wirklich bereuen

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Es gab einmal einen Mann – einen erfolgreichen Unternehmer, reich, bekannt. Er baute ein Imperium auf, schloss Millionendeals ab, sein Name wurde in Wirtschaftsmagazinen erwähnt. Und als die Zeit kam, Abschied zu nehmen, fragte man ihn in einem Radiointerview: „Hat sich all das gelohnt?“ Er schwieg einen Moment und antwortete: „Ich habe mir gesagt, ich tue das für meine Familie. Aber ich war selten bei ihnen. Selbst als das Geld reichte, wollte ich mehr. Und das hat mich kostbare Momente und Beziehungen gekostet. Ich kann nicht zurückgehen und es ändern.“

Diese Geschichte, die ein Teenager vor vielen Jahren hörte, ist nicht erfunden. Tausende Menschen haben ähnliche Geständnisse von denen gehört, die die Spitze erreicht haben. Und am häufigsten bereuen sie nicht die verlorenen Millionen, sondern die verlorene Zeit. Dass das Leben zu einem endlosen Laufband wurde: Ein Ziel erreicht – und sofort das nächste, während das wahre Glück immer irgendwo voraus lag.

Die Hedonistische Tretmühle: Das Streben nach dem „Mehr“

Psychologen nennen dieses Phänomen die hedonistische Tretmühle (hedonic treadmill). Das ist ein psychologischer Mechanismus, bei dem wir uns extrem schnell an Gutes gewöhnen: Ein neues Auto, eine Beförderung, ein Bonus – zuerst spüren wir Euphorie, doch schon nach wenigen Monaten kehrt das Glücksniveau auf den Ausgangswert zurück. Wir passen uns an den Erfolg an, als wäre er die neue Normalität, und jagen sofort wieder nach „mehr“.

Wissenschaftliche Studien zeigen deutlich, dass Menschen selbst nach großen positiven Ereignissen – wie einem Lottogewinn oder einem steilen Karrieresprung – relativ schnell zu ihrem persönlichen Basisniveau des Wohlbefindens zurückkehren. Negative Ereignisse hingegen, wie der Verlust von Nahestehenden durch ständige Abwesenheit, hinterlassen oft tiefere und dauerhaftere Spuren in der Psyche.

Die Falle der externen Validierung

Stell dir nun eine Person vor, die fast ausschließlich für äußere Anerkennung lebt: Likes, Lob, Status. Sie hat das Gefühl, der Welt ständig ihre Wertigkeit beweisen zu müssen. Psychologen bezeichnen dies als das Bedürfnis nach externer Validierung. Das ist weit mehr als nur das harmlose Verlangen nach Komplimenten – es ist ein Zustand, in dem das Selbstwertgefühl fast vollständig von der Meinung anderer abhängt.

Studien, unter anderem von der American Psychological Association, verbinden eine solche Abhängigkeit mit einem signifikant höheren Risiko für Burnout, Angstzustände und Depressionen. Warum ist das so? Weil sich das innere, stabile Gefühl „Ich bin wertvoll“ nicht entwickeln kann. Der Mensch wird zur Geisel fremder Bewertungen, und diese sind per Definition unvorhersehbar und unkontrollierbar.

Intrinsische Motivation vs. Overjustification

Dem gegenüber steht die intrinsische Motivation – der Zustand, wenn du etwas tust, weil es dir an sich Freude bereitet und dich erfüllt. Die renommierten Psychologen Edward Deci und Richard Ryan beweisen in ihrer fundierten Selbstbestimmungstheorie: Intrinsische Motivation hängt direkt mit höherem Lebensglück, gesteigerter Kreativität und besserer psychischer Widerstandskraft (Resilienz) zusammen.

Das Problem unserer Leistungsgesellschaft: Äußere Belohnungen können zwar kurzfristig motivieren, überdecken aber oft langfristig das innere Interesse. Dieser Effekt ist in der Psychologie als Overjustification Effect (Korrumpierungseffekt) bekannt. Das ursprüngliche Feuer erlischt, wenn es nur noch um die Belohnung geht.

Was wir am Ende wirklich bereuen

Und nun blicken wir auf jene, die am Lebensende zurückschauen. Die australische Palliativpflegerin Bronnie Ware, die Sterbende in ihren letzten Wochen betreute, hat deren häufigste Aussagen in ihrem Buch „Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ gesammelt. Die Ergebnisse sind ein Weckruf:

  1. Auf Platz eins: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.“
  2. Auf Platz zwei: „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.“

Besonders Männer erwähnten in ihren Gesprächen oft, wie sie die Kindheit ihrer Kinder und die Gesellschaft ihrer Partner verpasst haben, weil das „Laufband der Arbeit“ ihnen das Wertvollste geraubt hat. Das sind keine Einzelfälle. Viele bekannte Unternehmer haben am Ende Ähnliches gestanden: Der eine bereute zutiefst, nicht mehr Zeit mit den Kindern verbracht zu haben, der andere, tiefgehende Beziehungen für „noch einen Deal“ geopfert zu haben.

Der Ausweg: Achtsamkeit und Präsenz

Aber es gibt auch die andere Seite. Diejenigen, die das Gleichgewicht finden, beschreiben das Leben anders. Sie jagen nicht ständig dem nächsten Dopamin-Kick durch Erfolge hinterher. Sie besitzen die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu sein – ein Zustand, den Psychologen als Mindfulness oder achtsame Präsenz bezeichnen.

Umfangreiche Studien belegen: Regelmäßige Mindfulness-Praxis reduziert Stress erheblich, verbessert die emotionale Regulation und steigert das allgemeine Wohlbefinden nachhaltig. Der Mensch beginnt, einfache Momente wieder wirklich zu schätzen – ein Gespräch beim Abendessen, einen Spaziergang, die Stille. Nicht weil man „muss“, sondern weil es die Seele wirklich erfüllt.

Das ist genau jene „sanfte innere Gewissheit“, von der am Anfang die Rede war. Wenn du weißt, dass deine bloße Präsenz, deine Kreativität, deine Liebe wichtig sind – unabhängig von Applaus oder Status. Du lebst nicht mehr, um zu arbeiten. Du arbeitest, um voll zu leben.

Letztlich besteht die wahre Kunst des Lebens nicht darin, wie viel du quantitativ erreicht hast, sondern wie tief du es erlebt hast. Jeden Morgen haben wir die Wahl: Wieder auf das hedonistische Laufband zu steigen oder stehen zu bleiben und den Moment wirklich zu spüren. Und irgendwann, wenn wir zurückblicken, werden wir uns genau für die Momente bedanken, in denen wir den Mut hatten, das Zweite zu wählen.