Aroreretini – wenn Aufmerksamkeit nicht fehlt, sondern zu vielen Dingen wandert

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Was wir über ADHS denken, beginnt manchmal schon mit den Worten, die wir dafür verwenden.

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

Schon der deutsche Begriff ADHS enthält zwei Wörter, die viel darüber aussagen, aus welcher Perspektive wir auf diese Form der Neurodivergenz schauen: Defizit und Störung.

Da fehlt also etwas.

Da funktioniert etwas nicht so, wie es funktionieren sollte.

Zumindest könnte man genau diesen Eindruck bekommen.

Doch was passiert, wenn wir dieselbe Art, die Welt wahrzunehmen, mit anderen Worten beschreiben?

In Te Reo Māori, der Sprache der Māori in Aotearoa Neuseeland, gibt es dafür einen bemerkenswerten Begriff:

Aroreretini

Aroreretini wird für ADHS verwendet und lässt sich sinngemäß übersetzen mit:

„Die Aufmerksamkeit richtet sich auf viele Dinge.“

Oder etwas freier:

„Ein Geist, dessen Aufmerksamkeit zu vielen Dingen wandert.“

Und plötzlich klingt dieselbe Besonderheit eines Menschen ganz anders.

Nicht nach einem Mangel.

Nicht nach einem Fehler.

Sondern zunächst einmal nach einer anderen Art, Aufmerksamkeit zu erleben.

Ein Wort, das bewusst anders gewählt wurde

Dabei ist wichtig zu wissen: Aroreretini ist kein traditioneller Begriff, den die Māori bereits seit Jahrhunderten für ADHS verwendet haben.

Der Begriff wurde im Rahmen von Te Reo Hāpai – The Language of Enrichment geprägt. Ziel dieses Projekts ist es, Begriffe unter anderem aus den Bereichen psychische Gesundheit, Behinderung und Neurodivergenz in Te Reo Māori so auszudrücken, dass sie nicht lediglich westliche medizinische Defizitvorstellungen übersetzen.

Der Māori-Linguist Keri Opai beschreibt, dass er nach umfangreichen Beratungen versuchte, die Erfahrung von ADHS aus einer positiveren Perspektive sprachlich zu erfassen. Daraus entstand aroreretini – wörtlich sinngemäß: „attention goes to many things“.

Menschen mit ADHS und ihre Familien hätten sich durch diesen neuen Begriff bestärkt gefühlt.

Dahinter steht ein Gedanke, den Opai mit einem Māori-Sprichwort beschreibt:

„He mana tō te kupu.“

Worte haben große Kraft.

Und vielleicht liegt genau darin etwas, das wir auch für unseren Umgang mit ADHS mitnehmen können.

Defizit oder Vielfalt der Aufmerksamkeit?

Natürlich bedeutet ein anderes Wort nicht, dass die Schwierigkeiten von ADHS plötzlich verschwinden.

ADHS kann den Alltag erheblich beeinflussen. Organisation, Zeitmanagement, Impulsregulation, Emotionsregulation oder die Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit können für Betroffene sehr herausfordernd sein.

Eine wertschätzende Sprache sollte diese Schwierigkeiten nicht romantisieren.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen:

„Dir fehlt Aufmerksamkeit.“

und

„Deine Aufmerksamkeit funktioniert anders.“

Denn Menschen mit ADHS haben nicht zwangsläufig zu wenig Aufmerksamkeit.

Viele kennen vielmehr das Gefühl, dass die Aufmerksamkeit gleichzeitig von unzähligen Eindrücken, Gedanken, Geräuschen und Ideen angezogen wird. Während es in einer Situation unglaublich schwierig sein kann, bei einer Aufgabe zu bleiben, kann in einem anderen Moment eine intensive Konzentration auf ein interessantes Thema entstehen.

Der Begriff Aroreretini beschreibt deshalb zunächst, was geschieht, anstatt den Menschen darüber zu definieren, was ihm vermeintlich fehlt.

Vielleicht ist die Frage nicht immer: „Was stimmt mit mir nicht?“

Sprache beeinflusst unser Selbstbild.

Wer sein Leben lang hört, unkonzentriert, chaotisch, zu laut, zu impulsiv oder „zu viel“ zu sein, beginnt möglicherweise irgendwann, diese Zuschreibungen in das eigene Selbstbild zu übernehmen.

Eine Diagnose kann dann einerseits unglaublich entlastend sein. Endlich gibt es eine Erklärung dafür, warum bestimmte Dinge so viel Kraft kosten.

Andererseits bleibt ein Begriff, in dem bereits das Wort „Störung“ steckt.

Aroreretini eröffnet hier eine andere Perspektive.

Nicht:

„Was funktioniert bei diesem Menschen nicht?“

Sondern vielleicht:

„Wie funktioniert dieser Mensch?“

Was zieht seine Aufmerksamkeit an?

Was braucht er, um sich konzentrieren zu können?

Welche Umgebung hilft ihm?

Wo liegen seine Schwierigkeiten?

Und wo möglicherweise Fähigkeiten, die bisher übersehen wurden?

Anders bedeutet nicht automatisch besser – aber auch nicht schlechter

Eine neurodiversitätsorientierte Betrachtung von ADHS bedeutet nicht, ADHS ausschließlich als „Superkraft“ darzustellen.

Auch das würde vielen Betroffenen nicht gerecht werden.

Es gibt Menschen, die unter ihren Symptomen erheblich leiden. Es gibt Tage, an denen ADHS kreativ, schnell und voller Ideen wirken kann – und andere, an denen selbst alltägliche Aufgaben überwältigend erscheinen.

Beides darf gleichzeitig wahr sein.

Vielleicht besteht die Stärke des Begriffes Aroreretini deshalb gar nicht darin, ADHS positiv zu machen.

Vielleicht besteht sie darin, ADHS zunächst wertfrei zu betrachten.

Die Aufmerksamkeit ist nicht automatisch schlecht.

Sie ist nicht automatisch gut.

Sie geht zu vielen Dingen.

Und erst im Zusammenspiel mit der jeweiligen Person, ihrer Umwelt, ihren Anforderungen und ihren Ressourcen zeigt sich, wann daraus eine Stärke und wann daraus eine Belastung wird.

Worte verändern keine Diagnose – aber vielleicht den Blick auf den Menschen

Medizinische Diagnosen haben ihren Sinn. Sie ermöglichen Forschung, Behandlung, Unterstützung und häufig überhaupt erst den Zugang zu notwendigen Hilfen.

Wir müssen den Begriff ADHS deshalb nicht abschaffen, um darüber nachzudenken, welche Wirkung Sprache auf Menschen haben kann.

Vielleicht können beide Perspektiven nebeneinander existieren.

Die medizinische Perspektive kann uns erklären, warum bestimmte Dinge schwerfallen.

Eine Perspektive wie Aroreretini kann uns daran erinnern, dass hinter einer Diagnose immer noch ein ganzer Mensch steht.

Ein Mensch, dessen Gehirn Informationen anders verarbeitet.

Ein Mensch, dessen Aufmerksamkeit manchmal dort landet, wo sie gerade nicht gebraucht wird – und manchmal genau dort, wo andere etwas übersehen hätten.

Ein Mensch mit Herausforderungen, Fähigkeiten, Bedürfnissen und einer ganz eigenen Art, die Welt wahrzunehmen.

Und vielleicht sollten wir deshalb bei ADHS nicht ausschließlich fragen:

„Wo liegt das Defizit?“

Sondern häufiger:

„Wohin geht deine Aufmerksamkeit?“

Denn manchmal verändert ein einziges Wort nicht die Realität.

Aber es verändert die Perspektive, aus der wir sie betrachten.

Quellen & weiterführende Literatur

  • Opai, K. (2022): Words have great power: Creating Māori concepts of disability. Developmental Medicine & Child Neurology, 64(10), 1182. DOI: 10.1111/dmcn.15266.
  • Te Aka Māori Dictionary: Eintrag „aroreretini“. Definition: „Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) – attention goes to many things.“ Der Eintrag verweist auf Te Reo Hāpai als Ursprung des Begriffes.
  • Te Reo Hāpai – The Language of Enrichment: Māori-Terminologie für Bereiche wie psychische Gesundheit, Behinderung und Neurodivergenz.
  • Te Rūnanga o Ngāi Tahu / Te Karaka (2025): Mana of the mind: rethinking neurodiversity. Beitrag über Neurodiversität aus einer Māori-Perspektive und die Verwendung von Aroreretini.