Was macht Menschen attraktiv? Die Psychologie der Schönheit einfach erklärt

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Wer sich durch die Kunstgeschichte blättert, stößt auf ein verwirrend breites Spektrum: Üppige Körperformen galten lange als absolutes Ideal, dann magere Silhouetten, schließlich sportliche und muskulöse. Auch Gesichtsmerkmale, Augenbrauenformen und Hauttöne unterlagen stets dem Wandel der Zeit. Auf den ersten Blick scheint Schönheit also eine rein kulturelle Erfindung zu sein – veränderlich, willkürlich und stark modeabhängig.

Und doch: Wenn man genauer hinschaut, fällt auf, dass bestimmte Gesichter über Jahrhunderte und Kulturgrenzen hinweg als attraktiv empfunden werden. Wie lässt sich das psychologisch und biologisch erklären?

Was Babys über Schönheit wissen – obwohl sie noch nichts wissen

Einen ersten faszinierenden Hinweis liefern ausgerechnet Säuglinge. Kinder haben in ihren ersten Lebensmonaten noch keine kulturellen Schönheitsnormen verinnerlicht, keine Werbung gesehen und keine Modezeitschriften durchgeblättert. Trotzdem zeigen entwicklungspsychologische Studien: Wenn Babys Fotos verschiedener Gesichter betrachten, schauen sie jene, die auch von Erwachsenen als attraktiv eingeschätzt werden, deutlich länger an.

Das legt nahe, dass zumindest ein Teil unserer Schönheitswahrnehmung biologisch verankert ist und viel tiefer sitzt, als wir es als kultivierte Menschen vielleicht wahrhaben möchten.

Symmetrie – ein subtiles Signal der Evolution

Lange Zeit galt das symmetrische Gesicht als das wichtigste Schönheitsmerkmal schlechthin. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist das durchaus plausibel: Symmetrie signalisiert Entwicklungsstabilität und genetische Gesundheit. Ein symmetrisches Gesicht deutete in unserer Frühgeschichte darauf hin, dass eine Person frei von angeborenen Störungen oder schweren parasitären Infektionen war – ein entscheidender Faktor bei der unbewussten Suche nach einem Partner für die Fortpflanzung und das Überleben.

Allerdings zeigt die moderne psychologische Forschung eine interessante Nuance: Absolute Symmetrie macht ein Gesicht nicht automatisch attraktiver. Wenn man reale Gesichter am Computer künstlich vollständig symmetrisch macht, wirkt das Ergebnis oft unnatürlich, starr und fast schon gruselig (ein Phänomen, das in der Psychologie an das „Uncanny Valley“ erinnert). Der heutige wissenschaftliche Konsens lautet daher: Ein Gesicht muss keineswegs perfekt symmetrisch sein – es sollte lediglich nicht auffällig asymmetrisch wirken.

Der Goldene Schnitt und seine Tücken

Eine weitere populäre These lautet, Schönheit sei mathematisch exakt messbar – und zwar über den sogenannten Goldenen Schnitt. Diese harmonische Proportion findet sich in der Kunst, in der Architektur und soll angeblich auch das ideale menschliche Gesicht definieren. Das Model Bella Hadid wird in diesem Zusammenhang häufig zitiert: Ihr Gesicht soll Berechnungen zufolge zu rund 94 Prozent dem Goldenen Schnitt entsprechen.

Das klingt zunächst beeindruckend – bis man versucht, diese starre Formel auf normale, alltägliche Menschen anzuwenden. Meist entstehen dabei Ergebnisse, die weniger mit echter Schönheit zu tun haben als mit einem misslungenen Geometrie-Experiment. Die Wissenschaft zeigt: Menschliche Schönheit lässt sich eben nicht vollständig in eine simple mathematische Gleichung pressen.

Francis Galton und die verblüffende Macht des Durchschnitts

Ende des 19. Jahrhunderts machte der britische Naturforscher Francis Galton – ein Cousin von Charles Darwin und Erfinder des Fingerabdrucks als Identifikationsmerkmal – eine völlig unerwartete Entdeckung. Er überlagerte Porträtfotografien verschiedener Männer, und erzeugte so ein „Durchschnittsgesicht“. Was er dabei fand, überraschte ihn immens: Das gemittelte Gesicht wirkte auf Betrachter stets attraktiver als jedes der einzelnen Originalgesichter.

Jahrzehnte später griff die Psychologin Judith Langlois diese Durchschnittshypothese auf und testete sie systematisch. Sie erstellte computergestützte Durchschnittsbilder aus 5 bis 32 Gesichtern. Das Ergebnis war eindeutig: Je mehr Gesichter in das Endbild eingeflossen waren, desto attraktiver wurde das finale Gesicht bewertet.

Um zu prüfen, ob dies nur ein westliches Phänomen ist, wurde diese Präferenz auch bei den Hadza untersucht – einem Jäger-und-Sammler-Volk in Tansania, das weitgehend isoliert von der westlichen Medienwelt lebt. Das Ergebnis war identisch: Beide Gruppen bevorzugten die stärker gemittelten Gesichter.

Die kognitionspsychologische Erklärung dafür ist faszinierend simpel: Unser Gehirn empfindet das Vertraute als angenehm. Durchschnittliche Gesichtszüge lassen sich vom Gehirn schneller und flüssiger verarbeiten (die sogenannte „kognitive Leichtigkeit“) – und was kognitiv leicht zu verarbeiten ist, löst ein positives Gefühl aus, das wir unbewusst als Schönheit interpretieren.

Wenn Vertrautheit zu Schönheit wird

Dieser Effekt ist in der Sozialpsychologie als „Mere-Exposure-Effekt“ (Effekt der bloßen Darbietung) bekannt: Je öfter wir etwas – oder jemanden – unvoreingenommen wahrnehmen, desto sympathischer und attraktiver wird es uns. Wer bei der ersten Begegnung vielleicht nur wenig Eindruck gemacht hat, kann mit der Zeit deutlich anziehender wirken. Nicht, weil sich äußerlich etwas verändert hat, sondern weil das Gehirn mit dem Gesicht vertraut geworden ist.

Dieses Phänomen ist auch als „Slow Love“ bekannt – das langsame Entstehen von romantischer Zuneigung. Eine groß angelegte Studie aus dem Jahr 2015 belegte, dass sich unsere Wahrnehmung von Attraktivität mit zunehmender Bekanntschaftsdauer tatsächlich massiv verschiebt. Die klassische optische „Liga“, in der sich jemand befindet, verliert drastisch an Bedeutung, je besser man sich kennt. Manchmal wandelt sich die Wahrnehmung ins Positive, manchmal ins Negative.

Hormone und Make-up – eine oft unterschätzte Verbindung

Ein weiterer biologischer Faktor, über den in der Alltagspsychologie selten offen gesprochen wird, sind unsere Hormone. Östrogen beeinflusst bei Frauen bestimmte Gesichtszüge, die evolutionär als Zeichen von Gesundheit, Jugend und Fruchtbarkeit gelten: große Augen, volle Lippen und ein eher schmales Kinn. In Studien wurden Frauen in verschiedenen Phasen ihres Menstruationszyklus – also mit unterschiedlich hohem Östrogenspiegel – von anderen beurteilt. Das Ergebnis: In der fruchtbaren Phase mit höherem Östrogenspiegel wurden sie konsistent als attraktiver wahrgenommen.

Besonders interessant dabei: Wenn die Frauen Make-up trugen, verschwand dieser zyklusbedingte Effekt fast vollständig. Make-up kompensierte sozusagen den niedrigeren Hormonspiegel, indem es permanente Fruchtbarkeitssignale simulierte.

Das ist auch empirisch gut belegt und messbar: Frauen mit Make-up werden im Schnitt 40 Prozent länger angeschaut als ungeschminkte Frauen. Wird besonders die Augenpartie durch Kontraste betont, steigt die unbewusste Aufmerksamkeit auf bis zu 80 Prozent. Der Grund ist simpel: Make-up gleicht kleine Asymmetrien aus, perfektioniert den Teint, erhöht den Gesichtskontrast und lässt Augen größer erscheinen – alles Merkmale, die unser Gehirn unbewusst und rasend schnell mit physischer Attraktivität verknüpft.

Testosteron spielt bei der Partnerwahl übrigens ebenfalls eine Rolle – allerdings auf hochkomplexe Weise. Viele Frauen empfinden Männer mit markanten, testosterongesteuerten Gesichtszügen für kurzfristige Beziehungen und Affären als besonders attraktiv. Für langfristige Partnerschaften bevorzugen sie jedoch häufig Männer mit einem niedrigeren Testosteronspiegel (und weicheren Gesichtszügen) – Männer, denen psychologisch eher Eigenschaften wie Fürsorge, Empathie und familiäre Verlässlichkeit zugeschrieben werden.

Attraktivität ist weit mehr als nur ein schönes Gesicht

Hier liegt der wohl entscheidende psychologische Punkt: Attraktivität und reine physische Schönheit sind nicht dasselbe.

Spannende Studien mit eineiigen Zwillingen belegen, dass genetische und biologische Faktoren – also das, was wir meist als „objektive“ Schönheit betrachten – nur etwa 48 Prozent unserer individuellen Attraktivitätswahrnehmung erklären. Die übrigen 52 Prozent gehen auf unsere ganz persönlichen Umwelteinflüsse, Erfahrungen, Erinnerungen und emotionale Assoziationen zurück.

Das zeigt sich auch in verblüffenden alltäglichen Situationen: Psychologischen Felduntersuchungen zufolge erhalten Männer, die mit einem Hund unterwegs sind, bis zu viermal häufiger die Telefonnummer einer Unbekannten als äußerlich völlig gleichwertige Männer ohne Hund. Es ist also offensichtlich nicht nur das nackte Gesicht, das beim Dating zählt, sondern die vermittelte Ausstrahlung von Zugänglichkeit und Bindungsfähigkeit.

Unser Gehirn verarbeitet bei der Begegnung mit einem anderen Menschen in Sekundenbruchteilen eine gigantische Fülle an komplexen Informationen: Mimik, Stimmlage, Körperhaltung, aber auch Erinnerungen an ähnlich aussehende Menschen und vergangene emotionale Erfahrungen. Wer jemanden Positives aus unserer eigenen Vergangenheit in uns wachruft – ob wir das bewusst merken oder nicht –, wirkt auf uns automatisch sofort attraktiver. All das formt unsere subjektive Wahrnehmung, lange bevor wir auch nur einen bewussten, rationalen Gedanken fassen können.

Was am Ende bleibt

Schönheit ist kein rein objektiver Maßstab. Auch wenn unser evolutionär geprägtes Gehirn uns manchmal weismachen will, dass es so sei.

Was uns an einem Menschen magisch anzieht, ist immer ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Biologie, individueller Erfahrung, dem Reiz der Vertrautheit und der Ausstrahlung der Persönlichkeit. Wer auf andere attraktiv wirken möchte, muss absolut keine perfekte mathematische Symmetrie aufweisen – manchmal reicht es schon völlig aus, einfach öfter präsent zu sein und dem Gegenüber vertraut zu werden.

Und die wohl beruhigendste psychologische Erkenntnis: Niemand ist für alle Menschen attraktiv. Aber für die richtigen Menschen schon.

Literaturverzeichnis

  • Galton, F. (1878). Composite portraits made by combining those of many different persons into a single resultant figure. Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, 8, 132–144.
    Galtons Pionierarbeit zur gemittelten Gesichtskomposition – Ausgangspunkt der modernen Forschung zur Durchschnittshypothese.
  • Langlois, J. H., & Roggman, L. A. (1990). Attractive faces are only average. Psychological Science, 1(2), 115–121.
    Grundlegende Studie, die belegt, dass computergestützt gemittelte Gesichter als attraktiver bewertet werden als individuelle Gesichter – unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit.
  • Langlois, J. H., Ritter, J. M., Roggman, L. A., & Vaughn, L. S. (1991). Facial diversity and infant preferences for attractive faces. Developmental Psychology, 27(1), 79–84.
    Zeigt, dass Säuglinge bereits in den ersten Lebensmonaten attraktive Gesichter signifikant länger betrachten – ein Hinweis auf eine biologisch verankerte Komponente der Schönheitswahrnehmung.
  • Rhodes, G., Yoshikawa, S., Clark, A., Lee, K., McKay, R., & Akamatsu, S. (2001). Attractiveness of facial averageness and symmetry in non-Western cultures: In search of biologically based standards of beauty. Perception, 30(5), 611–625.
    Kulturübergreifende Untersuchung, die zeigt, dass die Vorliebe für symmetrische und durchschnittliche Gesichter auch in nicht-westlichen Kulturen nachweisbar ist.