Warum bin ich nicht glücklich? 4 Irrtümer über das Glück

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Angenommen, Sie wären gerade glücklich. Wirklich, tief und ehrlich glücklich. Was würden Sie damit anfangen? Und vor allem: Was passiert, wenn dieses Gefühl wieder verschwindet?

Glück ist ohne Frage eines der schönsten Gefühle, die wir kennen. Darüber wird niemand streiten. Doch in dem Moment, in dem wir anfangen, dieses Gefühl festzuhalten oder ihm nachzujagen, passiert etwas Merkwürdiges: Je verzweifelter wir es haben wollen, desto weiter entfernt es sich von uns. Das ist die Glücksfalle – und wenn wir ehrlich sind, tappen wir alle regelmäßig hinein.

Es gibt vier weit verbreitete Irrtümer über das Glück, die diese Falle besonders tückisch machen.

Irrtum Nr. 1: Glück ist der Normalzustand

Viele Menschen gehen davon aus, dass Glücklichsein der natürliche Grundzustand des Menschen ist – und dass alles andere eine Abweichung darstellt. Doch ein Blick auf die Zahlen erzählt eine andere Geschichte.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben weltweit rund 970 Millionen Menschen mit einer psychischen Erkrankung – von Depressionen über Angststörungen bis hin zu Abhängigkeitserkrankungen. Auch in Deutschland ist die Lage alles andere als rosig: Studien des Robert Koch-Instituts zeigen, dass etwa jeder vierte Erwachsene innerhalb eines Jahres von einer psychischen Störung betroffen ist.

Und dabei sind Belastungen wie Einsamkeit, Dauerstress im Beruf, Beziehungskrisen, chronische Erschöpfung oder die Folgen körperlicher Krankheiten auf unser seelisches Wohlbefinden noch gar nicht eingerechnet.

Die Wahrheit ist schlicht: Glück ist nur einer von vielen Zuständen, in denen wir uns befinden können. Traurigkeit, Wut, Angst und Frustration gehören genauso zum menschlichen Erleben. Keiner dieser Zustände ist mehr oder weniger normal als ein anderer.

Irrtum Nr. 2: Wenn ich nicht glücklich bin, stimmt etwas nicht mit mir

Dieser Gedanke schleicht sich oft leise ein – und er kann sehr belastend sein. Doch wenn wir verstehen, wie unser Gehirn arbeitet, wird schnell klar: Negatives Denken ist kein Fehler. Es ist gewissermaßen die Grundeinstellung unseres Geistes.

Unser Gehirn hat sich über Jahrtausende so entwickelt, dass es vor allem eines tut: uns vor Gefahren schützen. Es scannt die Umgebung nach Bedrohungen, erinnert uns an vergangene Fehler und malt düstere Zukunftsszenarien aus. In der Frühzeit der Menschheit war das überlebenswichtig. Heute, wo wir nicht mehr vor Raubtieren fliehen müssen, führt diese Daueralarmbereitschaft allerdings oft zu Grübelei und grundloser Sorge.

Wenn Ihr Kopf also ständig unangenehme Gedanken produziert, ist das kein Zeichen dafür, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Es ist ein Zeichen dafür, dass Ihr Gehirn genau das tut, wofür es gebaut wurde. Die eigentliche Aufgabe besteht nicht darin, diese Gedanken zum Schweigen zu bringen – sondern darin, einen gewissen Abstand zu ihnen aufzubauen. Nicht alles, was unser Verstand uns erzählt, entspricht der Wirklichkeit.

Irrtum Nr. 3: Negative Gefühle müssen verschwinden, damit es besser wird

Viele Menschen glauben, sie könnten erst dann ein gutes Leben führen, wenn sie alle unangenehmen Emotionen hinter sich gelassen haben. Doch das ist eine Illusion.

Denken Sie an eine Phase, in der Sie wirklich gewachsen sind – beruflich, persönlich oder in einer Beziehung. War diese Zeit ausschließlich von positiven Gefühlen begleitet? Wohl kaum. Wer eine neue Stelle antritt, spürt neben Begeisterung auch Unsicherheit. Wer sich auf eine neue Partnerschaft einlässt, erlebt neben Freude auch Verletzlichkeit und Angst. Wer ein Ziel verfolgt, das ihm wirklich etwas bedeutet, kennt neben Motivation auch Zweifel.

Wachstum und Veränderung bringen unweigerlich unangenehme Gefühle mit sich. Und das ist in Ordnung. Unsere Aufgabe ist nicht, diese Gefühle zu beseitigen, sondern ihnen Raum zu geben. Wenn wir akzeptieren, dass Traurigkeit, Angst und Ärger normale Bestandteile des Lebens sind, passiert etwas Erstaunliches: Wir können gleichzeitig besorgt sein und trotzdem handeln. Wir können nervös sein und trotzdem etwas Bedeutungsvolles tun. Wir müssen unsere Gefühle nicht erst ändern, um zu leben.

Wer hingegen darauf wartet, dass alle negativen Gefühle verschwinden, bevor er den nächsten Schritt wagt, wird möglicherweise nie losgehen. Entwicklung kann unbequem sein – so wie bei einem Kind, dessen Knochen beim Wachsen manchmal schmerzen. Das ist kein Alarmzeichen. Das ist Teil des Prozesses.

Irrtum Nr. 4: Gedanken und Gefühle müssen kontrolliert werden

Dieser Mythos ist besonders hartnäckig – und er wird durch zahlreiche Ratgeber genährt, die versprechen, man könne seine Emotionen und Gedanken vollständig steuern.

Ansätze wie die kognitive Verhaltenstherapie, die in Deutschland zu den am häufigsten eingesetzten psychotherapeutischen Verfahren zählt, arbeiten tatsächlich erfolgreich damit, dysfunktionale Denkmuster zu hinterfragen und zu verändern. Und oft funktioniert das auch gut.

Aber kennen Sie das? Sie sitzen an einem freien Nachmittag zu Hause, wollen abschalten – und trotzdem drehen sich Ihre Gedanken im Kreis. Sie sagen sich: Es gibt keinen Grund zur Sorge. Sie formulieren vernünftige Gegenargumente. Und trotzdem kommen die gleichen Gedanken zurück – leise, hartnäckig, ungebeten. Egal, wie oft Sie mit sich selbst argumentieren, die alten Muster melden sich zuverlässig wieder.

Vollständige Kontrolle über das eigene Denken ist schlicht unrealistisch. Hilfreicher ist es, eine innere Distanz zu den eigenen Gedanken aufzubauen. Achtsamkeitsübungen und Meditation – Praktiken, die auch in der psychotherapeutischen Behandlung zunehmend Anwendung finden – können dabei helfen, Gedanken als das zu sehen, was sie sind: mentale Ereignisse, nicht die Realität. Wir haben Gedanken, aber wir sind nicht unsere Gedanken.

Das Gleiche gilt für Emotionen. Natürlich gibt es Situationen, in denen emotionale Reaktionen so überwältigend werden, dass professionelle Unterstützung sinnvoll ist – etwa bei Panikattacken oder unkontrollierbaren Ausbrüchen. Doch das Ziel ist nicht, Gefühle zu unterdrücken. Das Ziel ist, sie da sein zu lassen – und trotzdem das zu tun, was uns hier und jetzt wichtig ist.

Was Glück wirklich bedeuten kann

Alle vier Irrtümer führen in dieselbe Sackgasse: Wer glaubt, dass Glück die Abwesenheit von Schwierigkeiten, negativen Gedanken und unangenehmen Gefühlen voraussetzt, treibt sich selbst in die Enge. Denn genau diese Gedanken und Gefühle werden kommen – und dann machen sie uns doppelt unglücklich: einmal durch ihr bloßes Dasein und einmal dadurch, dass sie unserem Bild von Glück widersprechen.

Es gibt eine andere Perspektive. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) wird Glück nicht als flüchtiges Hochgefühl verstanden, sondern als die Fähigkeit, im Einklang mit den eigenen Werten zu leben. Glück bedeutet in diesem Sinne: das tun, was einem wirklich wichtig ist – auch dann, wenn es schwierig wird. Auch dann, wenn unangenehme Gefühle auftauchen. Auch dann, wenn der innere Kritiker nicht schweigen will.

Ein erfülltes Leben ist kein Leben ohne Schmerz. Es ist ein Leben, in dem wir dem Schmerz Raum geben, ohne ihm die Führung zu überlassen. Unser Gehirn, unser Körper – sie sind nicht dafür gebaut, ständig glücklich zu sein. Sie sind dafür gebaut, zu fühlen, sich anzupassen und zu überleben. Und manchmal gehört Leiden dazu. Das ist kein Fehler. Das ist menschlich.

Wenn wir das annehmen können – was für ein Leben wäre dann möglich?

Referenzen

  • Harris, R. (2009). The Happiness Trap: How to Stop Struggling and Start Living. Boston: Trumpeter.
    Anmerkung: Beschreibt die vier zentralen Mythen über das Glück und zeigt auf Grundlage der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, warum die Jagd nach positiven Gefühlen oft das Gegenteil bewirkt.
  • Harris, R. (2013). Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei: Ein Umdenkbuch. München: Kösel.
    Anmerkung: Deutsche Ausgabe des oben genannten Werks.
  • Hayes, S. C., Strosahl, K. D. & Wilson, K. G. (2012). Acceptance and Commitment Therapy: The Process and Practice of Mindful Change (2. Aufl.). New York: Guilford Press.
    Anmerkung: Umfassendes Fachwerk zu den theoretischen Grundlagen der ACT; definiert psychische Flexibilität und werteorientiertes Handeln als Kern psychischer Gesundheit (insbesondere Kapitel 1–3 zur Kritik an emotionaler Kontrolle als Lebensziel).
  • Hayes, S. C. (2005). Get Out of Your Mind and Into Your Life: The New Acceptance and Commitment Therapy. Oakland: New Harbinger.
    Anmerkung: Praxisorientierte Einführung in die ACT; erklärt, warum der Versuch, unangenehme Gedanken und Gefühle zu kontrollieren, das Leiden häufig verstärkt, und stellt Übungen zur kognitiven Defusion und Akzeptanz vor.
  • World Health Organization (2022). World Mental Health Report: Transforming Mental Health for All. Genf: WHO.
    Anmerkung: Dokumentiert die globale Verbreitung psychischer Erkrankungen; enthält die Angabe, dass im Jahr 2019 weltweit rund 970 Millionen Menschen von einer psychischen Störung betroffen waren (S. 7–8).