Wenn die Trauer schon vor dem Tod beginnt

Artikel | Trauer

Dort läuft ein Paar, Hand in Hand. Die Frau neben mir sagt leise:
„Das werde ich nie wieder haben.“ Ihr Mann lebt. Seit kurzem sitzt er im Rollstuhl. Seine Erkrankung schreitet voran.
Es sind solche Momente, in denen Verlust plötzlich sichtbar wird, obwohl der Mensch noch da ist.

Ein gemeinsamer Spaziergang.
Eine Reise.
Ein Gespräch, das so nicht mehr möglich ist.
Etwas Vertrautes im Alltag.
Manchmal auch die Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft.

Trauer beginnt nicht immer erst mit dem Tod. Manchmal beginnt sie viel früher. Mit all den kleinen und großen Abschieden von etwas, das eben noch selbstverständlich war.

„Mich hat nie jemand gefragt, wie es mir geht.“
Diesen Satz habe ich von einer Frau gehört, deren Mann schwer erkrankt war.

Viele Menschen fragten nach ihm.
Wie geht es ihm?
Was sagen die Ärzte?
Wird er wieder gesund?

Aber kaum jemand fragte: Und wie geht es dir?

Ihr Mann wurde wieder gesund. Und trotzdem erzählte sie noch Jahre später davon – von dieser Zeit, von ihrer Angst und davon, wie wenig Raum dafür gewesen war. Vielleicht, weil sich der Blick ganz selbstverständlich auf den erkrankten Menschen richtet.
Dabei geschieht auch mit den Angehörigen etwas.

Sie sorgen.
Sie begleiten.
Sie hoffen.
Und gleichzeitig nehmen auch sie Abschied.

Von Gewohntem.
Von Selbstverständlichkeiten.
Von gemeinsamen Möglichkeiten.
Manchmal von einer Zukunft, die sie sich anders vorgestellt hatten.

Ruthmarijke Smeding spricht von Sterbetrauer, der Trauer in der Zeit des Sterbens – eine Zeit, in der Abschied und Beziehung, Hoffnung und Verlust nebeneinander bestehen können. Eine Zeit vieler kleiner Abschiede.
Ich kenne solche Momente auch aus meinem eigenen Leben.
In hindurchwege habe ich einen davon festgehalten:

Suppenzeit.
Wir sitzen am Tisch.
Du und ich.
Plötzlich
geht dein Arm
nicht mehr zum Mund.
Ich reiche dir das Essen.
Wir heulen beide.

Es war einer dieser Augenblicke, in denen wir beide wussten: Etwas eben noch Selbstverständliches war es plötzlich nicht mehr. Solche Abschiede können lange vor dem letzten Abschied geschehen. Und manchmal sind sie kaum sichtbar für die Menschen drumherum.

„Gib ihn doch ins Heim.“
Auch solche Sätze fallen. Vielleicht gut gemeint, praktisch gedacht, vielleicht aus eigener Hilflosigkeit heraus. Und trotzdem können sie verletzen. Weil ein Ratschlag manchmal eine Antwort auf eine Frage gibt, die gar nicht gestellt wurde.

Vielleicht wollte da gerade niemand wissen, was zu tun ist.
Vielleicht hätte ein Gespräch genügt, ein wirklich offenes Ohr.
Jemand, der fragt: Wie ist das gerade für dich? Und dann zuhört.

Ohne gleich eine Lösung zu suchen.
Ohne das Schwere kleiner zu machen.
Ohne zu wissen, wie es weitergehen soll.

Angehörige tragen in Zeiten schwerer Krankheit oft beides: Sie begleiten einen Menschen, der ihnen nah ist. Und sie erleben ihre eigene Trauer.

Sie pflegen und organisieren.
Sie hoffen und bangen.
Sie treffen Entscheidungen.
Sie funktionieren.
Und mittendrin verlieren sie vielleicht schon etwas.

Das gemeinsame Spazierengehen.
Ein vertrautes Gespräch.
Eine Selbstverständlichkeit.
Eine Rolle in der Beziehung.
Ein Stück der gemeinsamen Zukunft.

Das macht traurig. Auch wenn der andere noch da ist.
Und selbst dann, wenn eine Krankheit überwunden wird, ist das Erlebte nicht einfach ungeschehen. Vielleicht ist genau das eine der unsichtbaren Seiten dieser Zeit: Dass so viel Aufmerksamkeit verständlicherweise dem kranken oder sterbenden Menschen gilt – und wir dabei leicht übersehen, was mit denen geschieht, die neben ihm stehen.

Wenn wir von Trauer sprechen, denken wir häufig an die Zeit nach einem Tod, an Abschied, an Beerdigung, an das Weiterleben ohne einen Menschen.
Doch Trauer kann viel früher beginnen.

Am Küchentisch.
Beim Anblick eines Paares Hand in Hand.
In einem Satz des Arztes.
Beim Helfen mit etwas, das gestern noch allein ging.
In der Ahnung: Das wird vielleicht nie wieder so sein.

Jemand fragte einmal liebevoll: „Möchtest du ein bisschen jammern?“
Ich mag diese Frage.

Weil ich nichts erklären muss, nichts lösen muss.
Weil ich nicht tapfer, vernünftig oder zuversichtlich sein muss.
Ich darf einfach erzählen.

Das ist manchmal schon viel:
ein Mensch, bei dem das Schwere für einen Moment sein darf.