& Ein Raumwort

Blog | Trauer

Ich besuche einen Mann, er ist vor wenigen Tagen Witwer geworden. 


Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, er erzählt - von seiner Frau, von ihren Reisen, ihrem Beruf, ihren Hobbys, von gemeinsamen Erinnerungen.


Dann sagt er: „Weißt du, eigentlich brauche ich gar nicht traurig sein. Meine Frau hatte ein so schönes Leben." Ich schweige einen Moment, schaue ihn an und sage: "Ich möchte dir ein Wort schenken."

"Meine Frau hatte ein schönes Leben. & Ich bin traurig." Er atmet.


Dankbarkeit hilft uns, im Rückschauen Vertrauen ins Morgen zu fassen.

Sie erinnert uns daran, dass ein Leben mehr ist als sein Ende, dass Liebe größer ist als der Tod. Sie hilft uns, einen Menschen als Ganzes zu sehen - mit all den Erinnerungen, dem Lachen, den Wegen, die wir gemeinsam gegangen sind.

Dankbarkeit ist kostbar, wenn sie neben der Trauer stehen darf.

Schwierig wird es, wenn die Dankbarkeit mit einem Aber daher kommt, dann stellt sie sich gegen die Traurigkeit. Wenn sie leise sagt: Eigentlich brauchst du nicht traurig sein. Dann wird aus einer Ressource ein Maßstab. Nicht bewusst. Sondern weil wir gelernt haben, stark zu sein. Uns zusammenzureißen. Die guten Seiten zu sehen. Weiterzumachen.


Das Aber begrenzt.


Es relativiert.
Es widerspricht.
Es stellt Gefühle gegeneinander.
Es entscheidet, welchem Gedanken wir folgen.


Das, was vor dem Aber steht, verliert an Gewicht.


Und genau hier liegt die Herausforderung. Gerade in der Trauer erleben wir viele Gefühle gleichzeitig. Dann bringt uns das Aber in Bedrängnis. Weil es einlädt, uns für eines dieser Gefühle zu entscheiden.

traurig oder dankbar
sehnsüchtig oder erleichtert
wütend oder liebevoll


Hier öffnet das & einen Raum.


Es nimmt den Schmerz nicht. Es erlaubt, dass verschiedene Gefühle gleichzeitig wahr sein dürfen.  Ambivalenz wird bewohnbar, Das lasst wieder atmen.

Manchmal verändert ein kleines Wort unseren Blick.
Ein Zeichen.
Ein &.